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November 2008
MÄDCHEN MIT SCHWEFELHÖLZERN

Mädchen mit Schwefelhölzern. H.C.Andersen für Erwachsene.

Wegschauen. Schnell wegschauen.

Vom Frieren und Sterben, vom Armsein und Armseligkeit. Von Überfluss und Auszehrung, von Ignoranz und Zuschauen. Schmerz.

Ein kleines Mädchen soll am Sylvesterabend Schwefelhölzer verkaufen gehen. Draußen ist es kalt und es schneit. ”Mit bloßem Kopf und nackten Füßen“ bietet es seine Hölzchen an, doch keiner kauft eins oder schenkt ihm einen Schilling. Seine ”nackten kleinen Füße“ sind ”rot und blau vor Kälte“ und die Hände ”vor Kälte erstarrt“. In der Hoffnung sich zu erwärmen, zündet es ein Hölzchen nach dem anderen an. Es erscheinen ihm Bilder von einer gebratenen Gans und von der Großmutter, die immer gut zu ihm war. Diese hatte ihr erzählt, daß, ”wenn ein Stern herunterfällt, eine Seele zu Gott emporsteigt.“ Sie träumt, daß die Großmutter sie mit in den Himmel nimmt. Am Neujahrsmorgen wird sie aufgefunden ”mit roten Wangen und lächelndem Munde - tot, erfroren.“

Die Romantik des 19. Jahrhunderts und die beginnende Moderne erzählen sich ein unversöhnliches Märchen, das nicht mit dem verklärten Todesbild des Mädchens endet, sondern mit der Ernüchterung am Tag danach. Leute gehen vorbei und sehen ein totes Kind am Strassenrand, am ersten Tag des neuen Jahres. Es gibt keinen Hinweis in der Geschichte, dass sich irgendetwas dadurch ändern könnte. Die Welt ist grausam, das wird mit Interesse konstatiert und hingenommen. Das neue Jahr fängt so an, wie das alte geendet hat.

Der Autor

Hans Christian Andersen (1805-1875) wuchs als Sohn eines Schuhmachers in Odense auf. Armut und Einsamkeit prägten seine Kindheit, Depressionen und andere Krankheiten verfolgten ihn bis ins Erwachsenenalter. Sein künstlerisches Talent wurde am Königlichen Theater in Kopenhagen entdeckt, wo er bereits als 14jähriger Unterricht als Sänger und Tänzer nahm. Im Jahr 1935 erschien das erste seiner Märchenbücher, das ihn mit einem Schlag bekannt machte. Andersens erste Märchen sind stark von Volksmärchen beeinflusst. Später schuf Andersen sich einen ganz eigenen, manchmal fast umgangssprachlichen Märchenton, der ihn zum berühmtesten Dichter seines Landes und zu einem der meistübersetzten Autoren machte. Andersens Beerdigung im Jahr 1875 glich in Dänemark einem Staatsbegräbnis.

Zum Inhalt

Das Kind, das in der Silvesternacht Streichhölzer verkaufen soll und, als sich kein Käufer findet, die Hölzer nach und nach anzündet, um sich in der grimmig kalten Luft zu wärmen, erhebt sich zur Chiffre eines gesellschaftlichen Zustands, in dem Gefühlskälte, Teilnahmslosigkeit, Unverständnis, soziales Desinteresse und Rohheit bis zur physischen und psychischen Gewalttätigkeit die menschlichen Nicht-Beziehungen bestimmen. Im Erfrieren halluziniert das kleine Mädchen bei Andersen noch das Licht und die Wärme in den Häusern der Menschen, und es fühlt sich von der gütigen Großmutter an die Hand genommen und in eine hellere, bessere Welt geführt. Doch in der Wirklichkeit sieht alles immer – zu Andersens Zeiten wie in unseren Tagen – grausamer, härter, gnadenloser aus: Da liegt plötzlich ein Mensch auf der Straße, tot, erfroren, starr und wird irgendwann fortgekarrt.

HC Andersen hat zentrale persönliche Erfahrungen in seine Märchenwelt übertragen: das Leiden, die Verletzung, die Verstellung, die unerfüllte Liebe. Seine Märchen, gelegentlich ausschweifend, oft satirisch, manchmal sentimental erzählt, sollten allen Generationen zugänglich sein. »Es war mein Ziel, ein Dichter für alle Lebensalter zu sein, und Kinder würden mich nicht repräsentieren. Das Naive war nur ein Teil des Märchens, der Humor war das Salz darin.«

In einem kalten November 1845 entstand ‚Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern’ während einer Heimreise des Dichters nach Odense. Das Motiv war von einem Verleger als Bild vorgegeben, es zeigte ein frierendes Mädchen auf dem Boden sitzend, vor ihm in der Luft schwebend ein dicker Braten mit Gabeln darin. H.C. Andersen schrieb das Märchen in einem Tag, über den Ort auch erinnert an seine eigene kalte Kindheit und am selben Tag eingeladen beim Herzog von Gravenstein.

Zur Inszenierung

Die Inszenierung arbeitet wiederum mit der Verbindung von Tanz, Theater, animierten Bildern und Musik als multimedialem Bildertheater. Noch stärker als in früheren Inszenierungen werden die Medien miteinander verbunden, um gemeinsame Bilder zu finden. In dieser Produktion wird hauptsächlich mit professionellen Tänzerinnen, Tänzern, einer Schauspielerin und einer Sängerin gearbeitet. Flüchtlinge, behinderte Menschen und Jugendliche spielen in einem Stück, in dem es um ein ausgesprochen soziales Thema geht, nicht im Vordergrund mit, um Bilder und Themen nicht unzulässig zu verdoppeln. In welcher Rolle und Funktion einzelne nichtprofessionelle Mitwirkende als ‚Griff in die Realität’ vorkommen werden, wird sich im Laufe der Erarbeitung klären.

Die Umsetzung wird sich keines Realismus bedienen sondern einer Abstraktion der Themen Schmerz, Kälte, Tod und Voyerismus. Wie immer in den Stücken von ‚walk-tanztheater’ stehen verletzte Menschen im Mittelpunkt, der Schmerz der Verlierer interessiert.

Erfrieren – Erstarren – Kältetod.

Das Empfinden von Wärme und Kälte findet sich als Thema in vielen Märchen. In erster Linie wird diesem Gefühl Ausdruck in dem Bedürfnis gegeben, ein Feuer anzuzünden, sich am Feuer zu wärmen oder dort zu übernachten. An der Geschichte von dem kleinen ‚Mädchen mit den Schwefelhölzern’ lassen sich zuerst die eher klinisch wichtigen, örtlichen Erfrierungen nachvollziehen: Erythem, livid gefärbte Flecken, Kältestarre. Da es schneite, wird die Kleidung feucht gewesen sein. Die Halluzinationen und das Empfinden der Wärme und Geborgenheit sind der Selbstaufgabe des Mädchens und dem deliranten Zustand von Erfrierenden anzurechnen. Grausamer Schmerz und wahnhafte Deliriumsvorstellungen verbinden sich kurz vor dem Erfrieren.

Kinder.

Kinder sind ob ihres ‚ungünstigen’ Verhältnisses von Körperoberfläche und Masse sehr viel schneller von Unterkühlung und vom Erfrierungstod bedroht als Erwachsene. Ein Kind erfriert, es gefriert dem Erwachsenen das Herz, die soziale Kälte lässt eine Gesellschaft erschauern oder ganz einfach kalt.

‚... besonders davon betroffen sind Kinder’ - in fast jeder Nachricht über Hunger, Krieg, Bildungsmangel, Wassermangel, Ausbeutung kommt dieser Nebensatz oder kann er dazu gesagt werden. Kinder sind besonders betroffen von dem Ereignis und von dessen Auswirkungen. Kinder sind ein vielfach ausgebeutetes Bild für alle möglichen Projektionen von Erwachsenen von ‚nicht so schlimm’ bis ‚besonders schrecklich’. Kindern wird von Erwachsenen das Unerträgliche angetan. Die Inszenierung beutet diese Bilder nochmals aus. Das Märchen von H.C. Andersen ist nicht erträglich und wird ins Unerträgliche gesteigert inszeniert mit Vergleichen von arm und reich, von ‚happy end’ und tödlichem Ausgang, von Kälte und Erfrieren. Es tut weh.

Themen für den Tanz.

Reichtum, Armut, schreiende Ungerechtigkeit. Soziale Kälte. Die Kinder. Qualvoller Tod inmitten von Menschen und Reichtum. Champagner fliesst in Strömen und die Menschen ersaufen im Kaviar. Kälte, erfrieren, Visionen vor dem Tod, Delirien, Sterben. Tod. Voyerismus. Man sieht zu oder weg und ignoriert. Nicht sehen wollen.

Themen für Projektionen.

Tod. Edvard Munch schreit sich die Lunge aus seinem Körper. Zuckerengel, die vom Himmel fallen und zerschlagen. Erfrierungsstadien bis zum Absterben des Gewebes. Streichhölzer.

Schauspiel, Text, Gesang.

Keine Bandeinspielungen. Der Text wird in Schleifen wiederholt, zerstückelt, neu zusammengesetzt. Redundanz. Immer wieder dasselbe Grauen, dieselben Textstellen. Nur langsam geht die Geschichte weiter, stockt, geht zurück. Text wird genau mit Tanz verwoben, mit Bildern vernetzt. Die Schauspielerin ist eng an den Tanz angelehnt, alle Darsteller sind permanent auf der Bühne. Die Sängerin begleitet mit improvisierten Gesangslinien und Tönen markante Punkte und Übergänge in der Erzählung.

Bühnenbild.

Das Publikum spielt wie immer in den Produktionen von ‚walk-tanztheater’ eine zentrale Rolle, es bekommt den Platz im Geschehen zugeordnet, den es für die Geschichte und den dramaturgischen Ablauf braucht. So ergeben sich Perspektiven und Einblicke für die ZuschauerInnen, die sie nahe an die Inszenierung heranführen.

Anhand des Themas ‚Voyerismus und Zuschauen’ wurde eine Bühnensituation erarbeitet, die die ZuschauerInnen auf vier Podeste im Kreis setzt, in der Mitte wird gespielt, auf dieser Bühne kann nochmals abgeteilt werden, zum Teil mit transparenten, teils mit spiegelnden Stoffen. Man sieht einen Teil der Performance in unterschiedlichen Tiefen, teils sich selbst, teils das gegenübersitzende Publikum, eine Situation permanenten Beobachtens und Beobachtetwerdens oder auch des Nichtsehens und Vermutens.

Die Zuschauer/innen sind mit einem leichten, seidenen bedruckten Stoff bedeckt, nur ihre Köpfe sind sichtbar, die Darsteller-u Tänzer/innen tragen Kostüme, die aus dem selben bedruckten Seidenstoff entwickelt und angefertigt sind. Vier quadratisch angeordnete Beamer ermöglichen Variationen mit diesem Druckmuster, es kann über und durch die transparenten Wände auf die Darsteller und dahinter auf die abgedeckten Zuschauer/innen proijziert wird. Dadurch lösen sich Räume und Grenzen scheinbar auf. Die mit Licht und Lichtbildern veränderten Oberflächen und getanzten Kostüme ergeben ästhetisch eine halluzinogene Einheit. Sämtliche Oberflächen sind stark durch Licht und Projektion veränderbar. Das Zusammenspiel von Lichtbildern und Natriumdampflampen wird in dieser Produktion optisch einen Schwerpunkt setzen: Natriumdampflampen (schafft sepiafarbenes Licht, vgl alte Strassenlampen) entziehen der Umgebung, den Oberflächen die Farben. Die verwendeten Muster, Oberflächen, Personensilhouetten und die entstehenden Atmosphären und Stimmungen sind eng mit dem Inhalt verbunden und beziehen sich thematisch auf den Erfrierungstod des vernachlässigten Mädchens.

Die Gäste erleben den Tanztheater-Abend zwar voyeristisch und befinden sich zugleich hautnah im Geschehen, sie sitzen in einer Einheit mit Darstellern und sich permanent veränderndem Licht-Bild-Raum.

Parallelverweise.

‚Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern’. Ein Stummfilm von Jean Renoir, kurzfilm 1928 ‚Das Mädchen mit den Schwefelhölzern’. Musik mit Bildern von Helmut Lachenmann (1988–96).

REALISIERUNG
Regie: Hanspeter Horner/A
Ausstattung: Ursula N.Müller/D
Bildanimation: Marc Altmann/D
Choreographie: Jacqueline Beck/FL
Schauspielerin: Brigitte Walk/A
Tänzerin: Yukie Koji/Japan, CH
Tänzer: Reinier Powell Matheu/Kuba
Sängerin: Olena Nechay/ Ukraine
Technik: Martin Beck, ton und bild/A
Produktionsleitung: Brigitte Walk
Assistenzen: Mandy Hanke, Christa Fitz-Binder
Design: Sigi Ramoser, sägenvier

Pressearbeit: Theater am Saumarkt, Mag.Sabine Benzer
Fotos: Ursula N.Müller

Produktion: www.walk-tanztheater.com in Zusammenarbeit mit ‚Theater am Saumarkt’. Altes Hallenbad, Obergeschoss, Feldkirch.