Juli 2017
EYES ON AGE

EYES (ON) AGE. (Arbeitstitel)

Ein Tanzstück über Körperbilder und Körperhistorien
Junge Körper, ältere Körper - en mouvement

... you can sleep for a long time then, later ...

Choreographie Renate Graziadei / laborgras.com / Berlin

Tänzerinnen Maartje Pasden / Holland / Wien
Brigitte Walk / walktanztheater.com / Feldkirch
Elisabeth Orlowsky / kunstgriff / Wien
Natalie Fend / Vorarlberg / Wien
Simea Cavelti / Schweiz, F, Marokko

Ausstattung Alina Rosalie Amman / Vorarlberg / Wien / Berlin

Musik Martin E.Greil / Dornbirn

Fotos Mark Mosman / Vorarlberg

Technik Matthias Zuggal / Vorarlberg

Produktionsleitung Nicole Wehinger / Vorarlberg

Design sägenvier designkommunikation

Das Projekt

Fünf Frauen tanzen, drei sind offensichtlich jung, zwei sind augenscheinlich älter. Der Blick wird gerichtet auf den Blick auf diese Körper, wie sie sich bewegen, was sie bewegt, was aus ihnen spricht. Es spielt keine Rolle, was sie nicht können oder können, es geht nicht um eine Leistungsschau, sondern um den direkten Moment der Unterschiedlichkeit.
Die Zumutungen des Älterwerdens, die Zurichtungen des Körpers.

Die Idee fusst auf der eigenen Biographie von drei älteren Tänzerinnen sowie auf Inszenierungsmodellen dieses Themas, die uns fasziniert haben.
Dem Projektkonzept geht ein längerer Findungsprozess voraus, viele Gespräche zum Thema wurden geführt mit jungen Tänzerinnen, mit der Choreographin, untereinander.

Das Stück wird unter der choreographischen Leitung von Renate Graziadei von laborgras.com aus Berlin realisiert, die aus Vorarlberg stammt und international als Choreographin und Tänzerin arbeitet und bekannt ist.
Organisatorisch wird koproduziert von walktanztheater.com mit kunstgriff aus Wien. Nach acht Aufführungen mit Premiere am 10.10.2017 in Feldkirch sind Auftritte im Theater Kosmos in Wien geplant sowie eine Tournee in Österreich und der Schweiz.

Körper – Tanz – Bild – Gesellschaft

Im Theater steht sich eine Gesellschaft selbst gegenüber. Sie gibt sich ein Bild von sich selbst und von dem, was sie beschäftigt, was sie an Konflikten austragen und an Werten diskutieren will. In den vergangenen Jahren sind im Theater Dimensionen wie Erfahrungen sammeln oder die Veränderung der Wahrnehmung vermehrt ins Blickfeld gerückt. Doch die repräsentative Funktion von Theater als Medium der Öffentlichkeit spielt allen performativen Wenden zum Trotz immer noch eine zentrale Rolle. Wer uns repräsentieren darf, war über Jahrhunderte hinweg durch strenge Auswahlkriterien geregelt. Zukünftige Tänzer und Tänzerinnen mussten bereits eine bestimmte körperliche Disposition mitbringen, um ihre Ausbildung beginnen zu können, in der sie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vor allem die Technik des klassischen Balletts erlernten. Technisch versiert und körperlich diszipliniert, waren sie schließlich in der Lage, ein ideales Bild vom Körper zu präsentieren.

Umgekehrt war allen Tänzerinnen und Tänzern, dem Publikum und den Choreographen klar, dass ab dem Alter von 40 auf alle Fälle Schluss zu machen ist mit Tanzen.
Keine Falten sollten auf der Bühne zu sehen sein, wunderbare erfahrene Körper voller Ausstrahlung mussten die Bühne verlassen. Kein Choreograph entwickelte Stücke für ältere Körper, ältere Tänzerinnen und Tänzer. Erst mit grundlegenden Veränderungen im gesellschaftlichen Bild und der Resonanz auf der Bühne sowie aus den Erfahrungen partizipativer Projekte begann ein Interesse auch an alternden oder gealterten Körpern.

Seit mehr als zwanzig Jahren drängen vermehrt andere Körper auf die Bühne. Körper, die nicht den Idealvorstellungen von jugendlichen und schlanken Körpern entsprechen, die die Werbeindustrie uns überall vor Augen führt. Körper, die weder klassische noch zeitgenössische Techniken mitbringen, um zu tanzen. Und mit ihnen betreten Menschen die Bühne, die dort bisher nicht zu sehen waren. Körperlich oder geistig behinderte Menschen, alte Menschen, die, obwohl sie ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft sind, lange Zeit nicht im Fokus des politischen Interesses standen.

Der britische Choreograf Lloyd Newson stellte mit seiner Gruppe DV8 schon 1997 in Bound to Please die Frage nach gesellschaftlicher Konformität und dem, was das Publikum sehen will, indem er eine ältere Tänzerin in den Mittelpunkt seines Stücks stellte.

Das Wuppertaler Tanztheater feiert mit der Neueinstudierung von Pina Bauschs Stück Kontakthof aus dem Jahr 1978 für Menschen ab 65 große Erfolge, weil es ältere Menschen auf der Suche nach Liebe und Nähe zeigt und damit ein Tabu berührt, das Alter und Erotik voneinander abgrenzt.

Mit dem Erscheinen von anderen Körpern auf der Bühne, die nicht der gängigen Vorstellung von Normalität entsprechen, verändert sich auch das Bild, das sich unsere Gesellschaft von sich selbst macht.

Der Tänzer und Performer Raimund Hoghe hat sich die Parole des schwulen italienischen Künstlers Pier Paolo Pasolini – „den Körper in den Kampf werfen“ – zu eigen gemacht, um mit seinem Körper Politik zu machen. Hoghe, bei dem sich in jungen Jahren aufgrund einer Rückgratverkrümmung ein Buckel entwickelt hat, beansprucht in seinen Stücken für sich einen Raum der Schönheit jenseits konventioneller Vorstellungen.

Merce Cunningham bediente sich zwar junger Tänzer, um den computergenerierten Life-Forms-Figuren zu Leibe zu rücken. Für seine persönlichen Auftritte hingegen behielt er sich das Recht vor, den authentischen Merce, das zunehmende Gebrechen bis ins hohe Alter vorzuführen. Er setzte sich als Kontrapunkt zum ohnehin postmodernen Patchwork und wirkte wie eine wandelnd-hinkende Signatur im Bild.

Ana Laguna, Tänzerin bei Mats Ek: „Ich hatte in der Ausbildung in Spanien gelernt, mit der Technik Gefühle auszudrücken. Tanz ist eine Sprache. Ich kann schon seit 10 Jahren keine Rückbeuge wie früher machen. Was ich aber im Auge behalte sind die jeweiligen Gefühle, die zum Ausdruck kommen sollen. Nicht die gewählten ‚Worte’ sind entscheidend. Ein hohes développé ist schlicht ein anderes ‚Wort’ als ein tiefes. Ein tiefes kann genau so gewichtig und bedeutsam sein.“ Auch wenn sie keinen Rat auf den Lippen hat, wie man im Tanz würdevoll altert, hält sie das Tanzen an sich für zeitlos. In den meisten Kulturen tanze jede Generation, auf dem Lande heute noch.

"Der Tod ist das Ende unseres Alterns. Auch wenn die Technologie sich weiter entwickelt und mehr Menschen länger und gesünder leben können – für den Körper gibt es immer ein Ende. Wir können bis zu diesem Ende tanzen. Das ist die Essenz des Alterns und die Essenz im Leben eines jeden Tänzers."
Ein Zitat des Butoh-Meisters Kazuo Ohno. Der Vater des japanischen Ausdruckstanzes verstarb im Oktober 2010 – im Alter von 103 Jahren.

"In der japanischen Theatergeschichte gibt es viele alte Tänzer. Sie müssen trainieren, bis sie ihre wirkliche Blüte mit 50 Jahren erreichen. Es gibt Profitänzer, die mit 60 und 70 immer noch auftreten – und als lebendes Kulturgut verehrt werden, weil sie nicht nur ihre persönliche, sondern auch die Geschichte des Landes verkörpern." Kazuo Ohno

Ein eindrückliches Beispiel für das Verhandeln von körperlichen Möglichkeiten und Körperbildern lieferte in der Region die Produktion ‚Orthopädie oder ToBe’ von Kilian Haselbeck und Meret Schlegel aus der Schweiz . Der Tänzer ist halb so alt wie die Tänzerin, sie bearbeiten und befragen Bewegungsabläufe, Begegnungen, Schmerz und Erfahrung und den jeweiligen künstlerischen Ausdruck und ihre innere Bewegtheit in einem fantastischen Duett, das berührend und inspirierend ist.

Zumutungen des Alters

Jetzt ist er müde geworden, mein Leib, wir kommen beide in die Jahre. Er ist faltig, an manchen Stellen grobporig, Hornhaut ist auf seinen Füßen von den Tausenden Kilometern, die er in meinem Dienst zurückgelegt hat.
Der Bauch meines Körpers ist weich, die Haut geht wohl etwas aus dem Leim, und die Last der Jahre zeigt sich an Wellen, Dellen und am Überhang. Ich betrachte meinen guten alten Leib im Spiegel.
M.Krautgartner

Statements der Tänzerinnen

Natalie
Und ich muss tanzen, ich möchte mich bewegen, ich möchte gerne tanzen und ich möchte nichts Künstliches produzieren sondern mich interessiert „worum es wirklich geht“ ! in allen Belangen! Geht es darum, eine perfekte Show zu liefern? Geht es darum sich zu präsentieren? Worum geht es ? Die einfachen Werte … Ehrlichkeit anstelle von Show! Etwas, was in unserer
Gesellschaft verloren zu gehen scheint.
Ein 27 – jähriger, scheinbar junger Körper, schreibt Geschichten, schreibt sich ein in diese Welt. Bewegt. Ein Körper und Geist mit tiefen seelischen Wunden und mehreren körperlichen Verletzungen. Ein Körper und Geist der zwei Mal innerhalb eines Jahres ausgebrannt ist, weil er den Anforderungen, die er an sich selbst hatte und dessen Anforderungen auch noch von der Gesellschafft gepusht werden, nicht mehr gerecht werden konnte. Weil zu viel ist. Zu viel da an Müll und Konsum. Ein Körper und Geist der sich versucht von Konsumzwang und Klischees zu befreien. Wie oft musste ich mir anhören „du bist ja noch jung, du schaffst das schon!“ mit einem apathischen Lächeln, Selbstzweifeln und der inneren Panik, nicht gut genug zu sein. Heute weiß ich; niemand weiß was in mir vorgeht und ob ich müde, erschöpft und ausgebrannt bin oder nicht. Wir mögen uns ähnlich sein, wir Wesen auf dieser Erde, aber wir sind alle unterschiedlich und tragen unsere eigenen Geschichten. Ich möchte mich frei und glücklich bewegen können. Physisch wie psychisch gesund sein. Leben, arbeiten in meiner Zeit und Geschwindigkeit mit reichlich Pausen, in den Pausen lernen wir. Ich möchte wieder ganz bei mir sein und meinen Körper spüren, der schreit Stop! Die Technologien mögen immer schneller werden, doch wir sind dieselben geblieben. Das ist keine Schande, es ist keine Schande Mensch zu sein!

Brigitte
Die schiere Menge an Jahren, an Erfahrung, wie gehe ich damit um. Wenn ich meine Lebensjahre vor mich hinlege, dann ist die Linie so ewig lang. Das muss ich alles gelebt haben. Ja das habe ich. Aber bin ich stolz darauf. Habe ich alles noch in der Erinnerung. Hat es mir geholfen, hat es mich weitergebracht. Ist Zeit einfach etwas, das so vor sich hin verstreicht.
Wenn ich mich in der Zeit verorte, die ich gleichzeitig mit anderen gelebt habe, dann merke ich, dass meine persönliche Zeit eine lange und grosse ist bis hierher. Innerlich und physisch merke ich das nicht so sehr, ich bin immer genau die, die ich gerade bin. Es gibt physische Erinnerung an früher, aber es gibt auch jetzt die Präsenz, die ich spüre. Also bin ich immer Ich geblieben.

Elisabeth
Jede erzählt anhand eines eigenen Statements. Eine Erzählung wird beleuchtet, ein eigener Blickwinkel, alles sehr formell. So kann ich mir das vorstellen.
Was erzählt dieser Körper, der schon so viel erlebt hat? Was wird sichtbar und was wird spürbar? Kann ich mich als Tänzerin darauf verlassen, dass mein Leben in dieser einen Geste sichtbar wird? Wie ist mein Ich heute im Vergleich zu früher. Bin ich so, wie ich es mir vorgestellt habe, älter zu sein. Mein Alltagskörper und mein Tanzkörper – sind sie weiter voneinander abgerückt oder näher zusammen. Jedenfalls ist meine Bewegungsempfindung näher an meinen Kern gerückt, wie an das Skelett.
Meine Geschichte ist eine Tanz - Geschichte! Meine Biographie ist bestimmt durch Tanz immer schon und immer noch. Auch in den Phasen, in denen mein Tanzen in den Hintergrund gerückt ist, war es bestimmend, eben dadurch, dass es nicht da war.

Simea
Das Alter von einer Person manifestiert sich äußerlich und physisch, jedoch führt dies teilweise zu Annahmen, welche einem Menschen in seiner Denk- und Lebensweise vielleicht gar nicht unbedingt entspricht. Ältere Menschen, die den Altersprozess zulassen sind für mich oft sehr beeindruckend und inspirierend.
Zu den Themen Körperlichkeit, Nacktheit und Altersbild kommen mir meine Besuche in den traditionellen Hammams in Nordafrika in den Sinn: Frauen und Mädchen
treffen sich einmal wöchentlich zum traditionellen Waschungsritual. Das Waschen an sich ist ein aktiver physischer Akt und kann Stunden dauern. Das Zusammenkommen der unterschiedlichen Generation war visuell sehr inspirierend. Ein kleines Mädchen, welches seine Grossmama mit Seife abschrubbt, zwei junge Frauen, welche sich gegenseitig die Haare einseifen und drei Tee trinkende Frauen mittleren Alters. Auf welche Art und Weise Kulturen, soziale Settings, Familie und Umgebung den Umgang mit dem Körper beeinflussen, finde ich spannend. Unsere eigenen Zuschreibungen hindern uns oft auch am genauen Beobachten und ungefilterten Wahrnehmen.

Künstlerische Umsetzung

Die Choreographie orientiert sich an verschiedenen Themen, die wie ein Raster auf die sechs unterschiedlichen Körper gelegt werden. Die Frage entsteht, entlang welcher Linien sich Unterschiede, Wahrnehmungen, Abweichungen oder Übereinstimmungen ergeben. Hat der ältere Körper eine übereinstimmende Energie oder Körperbau? Oder sind sich in anderen Kriterien junge und alte Körper plötzlich ähnlich, die vordergründig sehr unterschiedlich – alt – sind? Es geht um die vermeintlich sichere Wahrnehmung und das Wissen, dass anhand von äusseren Merkmalen das Alter sichtbar ist und das Überprüfen dieser Sicherheiten.
Auch die politische / mediale Sicht auf Körper und Jugend / Alter wird thematisiert werden, ohne allerdings auf vordergründige Schönheitskonzepte zu referieren, sondern vielmehr neue und überraschende eigene Bilder zu schaffen.

Die Themen sind

Verfall
Melancholie
Erinnerung
Schönheit
Politik
Altersbild
Zeitfenster
Unsicherheit
Nacktheit
Biographie
Gegenwärtigkeit
Jugend

.....

Arbeitsprozess

Grundsätzlich wird im Kollektiv gearbeitet, daneben auch in Einzelproben sowie mit choreographischen Ideen, die die einzelnen Personen oder die Choreographin einbringen.
Viele choreographische Elemente werden aus dem Zusammenspiel der einzelnen Körper / Personen gestaltet werden, aus der Unterschiedlichkeit, aus der Übereinstimmung.

Andere choreographische Elemente werden aus der Literatur, aus Medien, aus der Beschäftigung mit dem externen Blick und Zuschreibungen erarbeitet. Das eigene Bild von Alter / jung und alt / wird ebenso überprüft wie kulturelle und zeitgemässe Implikationen auf den Körper. Welche kulturellen / gesellschaftlichen Zuschreibungen sind in diesen Körpern drinnen und wie sieht man sie?

Eigene Biographien werden eine Rolle spielen, die Suche nach den eigenen Entwicklungen und Erzählungen sowie den Körpermarkierungen, die eine Person ausmachen. Hier wird auch mit Textfragmenten gearbeitet, wobei noch unklar ist, ob der Text dann auch als gesprochenes Element auf der Bühne sichtbar werden wird oder nicht.